Der gläserne Staat

Posted: November 18, 2010 in Politics, Technokratie
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Die spinnen, die Engländer. Während im deutschsprachigen Raum allgemeine Skepsis gegenüber Web-Enthüllungen herrscht und sich die Deutschen keusch ihre Häuser auf Google Street View verpixeln lassen, setzt der Inselbewohner auf totale Transparenz. Die Regierung des Vereinigten Köngreichs geht mit gutem Beispiel voran und stellt eine bemerkenswerte Website vor, auf der sämtliche Polit-Entscheidungen benutzerfreundlich abrufbar sein sollen.

data.gov.uk – so lautet die url, unter welcher die britische Regierung künftig blank ziehen wird (im Moment ist eine Beta-Version online). Ganz neu ist die Idee zwar nicht; schon jetzt kann der politisch interessierte Engländer (und auch jedeR andere) jede Menge an Datensätzen im Web finden, die über die Tätigkeiten der Regierung informieren. Das Revolutionäre an diesem speziellen Projekt soll jedoch sein, dass diese Daten in maschinenlesbarer Form vorhanden sein werden, wodurch eine Suchfunktion ermöglicht wird (Stichwort: Linked Data). Bisher waren diese government datasets vor allem in Form von PDF-oder Excel-Dateien abrufbar – das Springen zu speziellen Themenpunkten, die interessierten, war nicht möglich. Entwickelt wurde die Seite unter anderem von Tim Berners-Lee, dem Vater des World Wide Web.

Ein entscheidendes Novum bei data.gov.uk ist die Möglichkeit der User-Partizipation, wie es sie auf Regierungs-Websites bisher noch nie gab. Schon jetzt können Ideen vorgeschlagen, Daten nachgefragt und selbst entwickelte Apps geteilt werden. Wenn diese Möglichkeiten auch tatsächlich genutzt werden und die entsprechende Kooperation seitens der Regierung vorhanden ist, dann könnten die Engländer dem hoch demokratischen Gedanken des open governments schon sehr nahe kommen.

Die Seite soll mehr als reine Datenlawine sein – es wird nicht nur dargestellt, welche Steuergelder wofür verwendet werden, wie es auch schon in einigen anderen Ländern üblich ist (wir erinnern uns an die letztlich wieder eingestellte Offenlegung der EU-Agrarsubventionen). Es soll auch tägliche Updates zu Ministerräten, special adviser meetings u.ä. geben, sodass Fortschritte von Regierungsplänen nachverfolgt werden können. Dieser spezielle Punkt könnte besonders für Journalisten interessant sein, die sich mit der Politik Großbritanniens beschäftigen. Was data.gov.uk im Speziellen für Journalisten bedeuten könnte, zeigt dieser Artikel von journalism.co.uk sehr schön auf.

Wenn dieses Projekt hält, was es verspricht, dann hat es das Zeug, ein bemerkenswertes Instrument gelebter Demokratie zu werden. Die Möglichkeiten des Web (2.0) wurden selten sinnvoller genutzt. Nachahmung empfohlen.

Anhang: Video einer Rede von Nigel Shadbolt (neben Tim Berners-Lee eine der Schlüsselfiguren hinter data.gov.uk), in der er das Konzept und die Motivation hinter dem Projekt erläutert. Mein Lieblingszitat daraus: “If people don’t know what you’re doing, they can’t blame you if it’s going wrong.”

hyder out.

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